17.03. – 25.04.2013

Kaffeeduft aus Kolumbien…

Ein kühler Wind weht, Sonnenstrahlen drücken durch den bewölkten Himmel. Noch etwas müde von der langen Reise, die Zeitverschiebung in den Knochen, schlendern wir durch die kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt. Wir sind in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, auf 2600 m gelegen. Auch diese stolze Höhe wird wohl zu meiner Trägheit beitragen. Die Strassen sind gesäumt von kostbar restaurierten Kolonialbauten. Nackt hingegen erscheint die Plaza Bolivar, der grosse Platz, der in kaum einer lateinamerikanischen Stadt fehlt. Kein Baum, keine Bänke, eine riesige, betonierte Leere, was sich mir ungewohnt und etwas lieblos präsentiert. Auf einem Mäuerchen gönnen wir uns trotzdem eine Verschnaufpause und beobachten die wenigen Einheimischen, die morgens schon auf den Beinen sind. Mit einer steilen Standseilbahn fahren wir auf den Gipfel des Monserrate. Von hier oben offenbart sich ein hervorragender Ausblick auf die gigantische Stadt mit ihren rund 8 Millionen Bewohnern, eingebettet in die Berglandschaft der Anden. Wir gehen es gemütlich an und lassen in den ersten Tagen das historische Stadtviertel La Candelaria auf uns wirken. Es gibt wahrhaftig ein paar glanzvolle Ecken hier…

Vom riesigen, aber erstaunlich gut organisierten Busterminal erwerben wir ein Ticket für die kurvenreiche Fahrt nordwärts. Nach vier Stunden steigen wir in Villa de Leyva aus. Es sei einer der hübschesten, von der Kolonialzeit geprägten Orte Kolumbiens. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Das Dorf ist absolut reizend und sehr fotogen. Wir flanieren durch die malerischen, mit grossen Natursteinen ausgelegten Gassen. Grüne Pflanzen und farbige Blumen zieren die Fassaden der weiss verputzten Häuser. Auch hier ist der grosse Platz kahl, aber mit diesen grossen, ungleichmässigen Steinen belegt und der alten Kirche am einen Ende, ist er eine Augenweide. Abends setzen wir uns in eines der gemütlichen Cafes und wärmen uns an einer heissen Schokolade. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, ist es zwar heiss, aber abends kühlt es hier auf 2100 m Höhe merklich ab. Hoch über dem Ort wacht eine heilige Statue. Ein steiler Weg führt zum „Cristo“ empor, ich gerate rasch ausser Atem. Wir überblicken den Ort mit den rostroten, ansehnlichen Ziegeldächern von oben. Auch ein wunderbarer Ausblick auf die umliegenden Hügelzüge bietet sich. Jeweils samstags findet der wöchentliche Markt statt, den wir uns nicht entgehen lassen. Ich liebe es, durch die farbenfrohen Stände zu schlendern und die Leute beim Geschäften zu beobachten. Das Angebot ist reich… frische exotische Früchte, uns unbekanntes Gemüse sowie tausend Dinge für den alltäglichen Bedarf. An den Imbissbuden hängen meterlange Würste, eine regionale Spezialität, die einen weniger appetitlichen Anblick abgeben. Der Rundgang hat sich vollends gelohnt!

Eine kurze Fahrt auf der gewundenen Strecke bringt uns nach Tunja, zurück auf die Hauptverkehrsachse, wo wir vor der Weiterfahrt nach Norden eine Nacht verbringen. Diese koloniale Stadt glänzt nicht, wohl nicht mehr. Auf 2800 m ist es noch kühler und es fängt nach einer kurzen Besichtigung zu regnen an. Wir verziehen uns ins Hotel, wo es aber auch alles andere als kuschelig warm ist. So kommt es, dass heute alle meine Kleiderschichten zum Zuge kommen.

Der Minibus fahre direkt unser Ziel an, versichert man uns vor Abfahrt. Auf halber Strecke jedoch steigen alle Passagiere aus und der Fahrer fordert uns auf, es ihnen gleich zu tun. Er deutet auf einen Bus auf der anderen Strassenseite. Immerhin fährt dieser bald los und wir zahlen kein zweites Mal, wie befürchtet. Einzig müssen wir uns mit den hintersten, etwas engen Plätzen begnügen. Stetig verlieren wir an Höhenmetern und in San Gil, auf nur noch 1100 m, schlägt uns eine wärmere Luft entgegen. Das Klima ist sehr angenehm, auch abends sind nun keine langen Ärmel mehr nötig. In dieser Kleinstadt entdecken wir nur noch wenige koloniale Gebäude. Der zentrale Platz hingegen bietet viele Bänke mit schattenspendenden Bäumen, perfekt um zu verschnaufen und das Treiben zu beobachten. Vor allem abends ist es hier sehr lebendig…

Ursprünglich wollten wir im nahegelegenen Kolonialort Barichara nächtigen, aber unsere Pläne gehen nicht auf. Die Karwoche, die Semana Santa, steht bevor und scheint hier wichtiger zu sein, als gedacht. Die eigentlichen Feiertage sind der Gründonnerstag und Karfreitag, aber viele Leute haben die ganze Woche frei. Und sie verreisen in die Natur oder in die kolonialen kleinen Orte, dorthin wo es auch uns Touristen zieht. Deshalb ist vieles ausgebucht. In unserem Hotel in San Gil wird uns nur bis vor den Festtagen Unterschlupf gewährt. Auch fahren an beiden Feiertagen keine Busse weiter nordwärts, sagt man uns. Dies überprüfen wir am Busterminal um die Ecke. Die Busse fahren ganz normal, wird uns von zwei Angestellten, unabhängig voneinander versichert. Beruhigt geniessen wir die verbleibenden Tage hier in der Umgebung.

Barichara besuchen wir im Rahmen eines Tagesausfluges. Von Guane, einem winzigen Dorf, wandern wir auf dem historischen, mit Steinen gepflasterten Weg, in drei Stunden nach Barichara hoch. Eine schweisstreibende Angelegenheit, jedoch die Anstrengung wert. Der Landstrich ist dürr und mit Kakteen geschmückt. Der koloniale Ort von bezaubernder Schönheit lädt zum Bummeln ein. Die Häuser mit den roten Ziegeldächern sind weiss verputzt, die Türen und Fensterläden farbig gestrichen. Mir macht es Freude, den Ort zu entdecken und die schönsten Ecken fotografisch festzuhalten. Leider sind wir nicht allein, es trudeln die Osterurlauber ein. Auch San Gil wird von Tag zu Tag bevölkerter. Mir kommt zu Ohren, dass morgen Gründonnerstag keine Busse fahren. Wir konsultieren erneut das Busterminal, die Aussage wird uns bestätigt. Wir verstehen die Welt nicht mehr und sind natürlich unsicher, was nun stimmt. Mein Spanisch ist sicherlich verbesserungswürdig, aber daran liegt es in diesem Fall ganz klar nicht. Wir warten den morgigen Tag ab und finden uns definitiv vor geschlossener Busstation. Wir winken ein Taxi heran und lassen uns zum grösseren Terminal ausserhalb der Stadt chauffieren. Es fahre jede halbe Stunde ein Bus! Umso besser… aber warum hat uns das am Terminal in der Stadt niemand gesagt? Na gut, zugegeben, wir haben auch nicht danach gefragt!

Bucaramanga, eine der grössten Städte, umgeben von Bergen und voller langweiliger Wolkenkratzer, empfängt uns mit fast leeren Strassen. Die meisten Einheimischen sind wohl für die Ostertage ausgeflogen, wie angenommen. Viel bietet die Stadt gemäss unserem Reisehandbuch nicht. Deshalb wünscht sich Roland, soll die Unterkunft etwas bieten. Wir checken in ein besseres Hotel mit Swimmingpool ein. Der Osterdeal beschert uns einen grosszügigen Rabatt. Wir machen einen Streifzug durch das Herzen der Stadt. Aus der Kathedrale erklingt Musik, die Messe ist in vollem Gange. Auf den umliegenden Plätzen und im Park halten sich auffallend viele Leute auf, sie scheinen auf etwas zu warten. Wir sind neugierig, also warten wir auch, und es lohnt sich. Bald setzt sich eine Osterprozession in Gange. Dutzende heilige Statuen werden im Rahmen eines Umzuges von starken Männern getragen, untermalt mit festlichen Klängen. Ein eindrückliches Schauspiel…

Am nächsten Tag, Karfreitag, lockt das nahegelegene Girón, eine weitere vortreffliche koloniale Stadt. Mit dem Taxi fahren wir an Scharen von Leuten vorbei, die alle in dieselbe Richtung pilgern, in unsere Richtung. Oh weh! Die Gassen von Girón sind verstopft und auf dem Platz und vor der Kirche wimmelt es von Leuten. Es wird gebetet und gewartet, nach geraumer Zeit setzt sich eine kleine Prozession in Gang. Es ist drückend heiss hier, wir kämpfen uns aus der Menge und suchen die weniger frequentierten Strassen auf, um auch ein paar Blicke von der Architektur erhaschen zu können. Ein besonderes Erlebnis sind diese Ostertage allemal.

Auf zur Karibikküste! Wohlweislich haben wir bereits im Vorfeld eine Fahrkarte für die Weiterfahrt Richtung Norden erstanden. Santa Marta liegt rund 10 Busstunden entfernt. Im ganzen Land wird die Fahrt etwa alle 50 km von einer Mautstelle unterbrochen, wo saftige Gebühren einkassiert werden. Wir lassen die Ausläufer der Anden hinter uns und brausen ins Flachland hinunter. Je näher wir der Küste kommen, umso mehr bestechen Bananenbäume die Landschaft, aber auch der achtlos an den Strassenrand geschleuderte Abfall fällt auf. Auch später stellen wir immer wieder fest, dass es hier im Norden dreckiger ist. Unglaublich dieser Müll, nicht nur Abfall, sondern auch altes, kaputtes Inventar wie halbe Kühlschränke oder rostiger Autoschrott liegen herum. Für uns schrecklich, für die Leute hier wohl die Normalität. Schade…

Auch in Santa Marta wütet noch das Ostervolk. Ein angenehmer Wind macht die Hitze erträglicher. Der Strand mit der Promenade und der verkehrsreichen Strasse dahinter ist hässlich. Wir finden im Zentrum jedoch ein paar beschauliche und ruhige Gassen. Die Kolonialzeit hat auch hier ihre Spuren hinterlassen, welche jedoch schon recht verbleicht sind. Viele Häuser wirken heruntergekommen. Wir stöbern jedoch auch ein paar in frischen Farben gestrichene Exemplare auf. Sowieso ist die Stadt vorwiegend ein Ausgangspunkt für die reizvolle Umgebung.

Minca, ein kleines Bergdorf, thront in 600 m Höhe über der Stadt, berühmt für seinen Kaffee. Wir wandern zu einem Wasserfall, der sich in einen natürlichen Pool ergiesst. Nach dem schweisstreibenden Anstieg ist das kühle Nass sehr willkommen. Alles leuchtet sattgrün hier und den Weg schmücken riesige Bambusse. Unterwegs machen wir ein paar nette Bekanntschaften und geniessen diesen angenehmen Abstecher.

Ich freue mich auf den Parque Nacional Tayrona, etwas Zeit in der Natur, fernab einer Stadt zu verbringen. Die Landschaften des Parks reichen von Sandstränden an der Küste bis zum Regenwald am Fusse der Sierra Nevada, dem steil emporragenden Gebirge. Nach einer kurzen Anfahrt mit dem Bus, geht es im Park nur noch zu Fuss weiter. Der Weg führt vorwiegend durch den Wald, obwohl schattig, drückt der Schweiss bald aus allen Poren. In einer guten Stunde trudeln wir in Arrecifes ein. Hier befinden sich einfache Unterkünfte. Es stehen Hütten, Zelte oder Hängematten zur Verfügung. Unsere Wahl fällt auf die Luxus-Hängematte mit Moskitonetz, Schliessfach fürs Gepäck, dies alles unter einem grossen Strohdach. So lassen wir uns abends in den Schlaf schaukeln, ich liebe es. Ein sichelförmiger Sandstrand reit sich an den nächsten, zum Panorama gehören Kokospalmen und mächtige Granitfelsen. Manche dieser Felsen wirken, als hätte ein Riese sie in einem Wutanfall in zwei Hälften gespalten. Diese tief eingeschnittenen Buchten sind schlichtweg paradiesisch. Nebst Baden und Relaxen erklimmen wir einen Hügel mit Ruinen einer einstigen Stadt. Der steile Anstieg führt oft über die riesigen Granitfelsen durch den saftig grünen Regenwald. Die kleinen, scheuen Echsen huschen zügig aus dem Bild. Wegen der feuchten Hitze ein strapaziöses Unterfangen, aber durchaus lohnenswert.

Der Minibus lenkt uns in 4 Stunden entlag der Küste nach Cartagena. Die Altstadt ist ein Labyrinth aus Kopfsteinpflastergassen, bunten Häusern mit Pflanzen überwucherten Balkonen und massiven Kirchen. Eine jahrhundertealte Mauer umgibt die romantische Altstadt. Es ist eine eigene Welt! Jenseits dieser Mauer tobt Verkehr und Lärm, es ist chaotisch wie in anderen Städten auch. So zotteln wir die Gassen rauf und runter, saugen die makellos erhaltene Schönheit in uns auf. Abends lassen wir den Tag bei einem Drink in einer Bar auf der Mauer mit Blick auf das Meer und die untergehende Sonne ausklingen…

Nach zwei Tagen habe wir auch den letzten Winkel erkundet und besuchen in der Nähe den Volcan El Totumo, einen Schlammvulkan. Er schaut aus wie der grösste Termitenhügel der Welt, ist jedoch die Miniaturversion eines Vulkans, der Schlamm, anstelle von Asche spukt. Der Krater ist mit diesem lauwarmen Matsch gefüllt. Ein Schlammbad ist möglich, die darin enthaltenen Mineralien sollen heilsame Kräfte haben. Also steigen wir ein! Ein sehr spezielles Gefühl, man sinkt nicht und die Bewegungen sind in dieser dickflüssigen Masse sehr schwerfällig. Von Kopf bis Fuss bekleckst, lässt man sich von flinken Frauen in der nahen Lagune gegen ein kleines Entgelt waschen. Der Dreck ist überall, in den Ohren, in der Hose… Ein einmaliges Erlebnis der etwas anderen Art!

San Andrés und Providencia heisst eine Inselgruppe, 800 km von der kolumbianischen und nur 150 km von der nicaraguanischen Küste entfernt. Die Inseln sind historisch eng mit England verbunden, gehören heute aber zu Kolumbien. Somit wird von vielen Leuten auch Englisch gesprochen, welches man aber oft kaum versteht. Dieser kreolische, strenge Akzent hört sich wie eine Fremdsprache an… Kurz zuvor haben wir den Flug auf die grössere Insel, San Andrés, gebucht. Dort lässt sich ein weiterer Flug für Providencia kaufen. Am liebsten möchten wir sogleich weiter, mal sehen, ob es klappt. Das Ankunftsprozedere zieht sich unverhältnismässig in die Länge. Wir befinden uns zwar noch im gleichen Land, aber eine Passkontrolle muss trotzdem sein. Und dies dauert… Endlich geschafft folgt eine weitere, stockende Kolonne. Es wird sämtliches Gepäck durchleuchtet, ein Mann tastet alle Männer ab. Schlussendlich muss fast jedes Gepäckstück noch geöffnet werden, Beamten mit neugierigen Augen und fingernden Händen sind am Werk. Dies erscheint mir gar übertrieben, aber wir lassen alles tapfer über uns ergehen. Am Schalter der Fluggesellschaft, ergattern wir eine halbe Stunde vor Abflug die letzten beiden Sitze für den 20-plätzigen Flieger. Eine halbe Stunde nach Abflug setzen wir auf der Landepiste der kleinen, bergigen Insel vulkanischen Ursprungs auf. Sage und schreibe müssen wir hier nochmals unser Gepäck offenbaren, unglaublich…

Wir wählen eine Unterkunft im kleinen Ort Aguadulce, ein Zimmer mit Veranda und Blick auf das Meer, traumhaft! Die Insel Providencia ist von Korallenriffen umgeben und in erster Linie lockt uns die Unterwasserwelt. Die Wahl der Tauchbasen ist klein. Wir stellen einige Fragen zum Tauchbetrieb, aber Antwort es gibt nur knapp. Die Lungenautomaten scheinen in desolatem Zustand, der Rest der Ausrüstung überzeugt. Wir wagen es, was bleibt uns anderes übrig. Kaum im Wasser ziehe ich statt Luft, Wasser aus dem Lungenautomaten. Das darf doch nicht wahr sein! Ich solle mit dem Reserveautomaten tauchen. Hin und her gerissen mache ich es, drängt der Guide und unten auf dem Grund wartet der Rest der Gruppe. Alles geht zum Glück gut. Wir tauchen ins Blaue ab und stossen auf rund 20 m Tiefe auf das mit Korallen bewachsene Riff. Schon bald sind wir von einigen Riffhaien umgeben, wow! Es werden immer mehr und die kommen so nah. Erst überwältigend, dann eher angsteinflössend. Auf einem weiteren Tauchgang sehe ich, wie ein Guide zu einer Harpune greift und etliche Feuerfische anschiesst. Ich bin entsetzt und fühle mich im falschen Film. Später erfahren wir, diese Tiere seien nicht heimisch hier, eine Plage, sie fressen die Eier anderer Fische. Dennoch, dies passt für nicht in das Bild eines Tauchganges. Wir sind unschlüssig, ob wir überhaupt noch weitere Tage tauchen sollen. Es erscheint mir alles nicht ganz vertrauenswürdig. Wir tun es trotzdem, sind wir doch wegen den Fischen hier. Die weitere Tauchausfahrt läuft ähnlich ab. Diesmal zeichnet sich auch ganz klar ab, dass die toten Feuerfische zu Haifutter werden und wir nur deshalb so nah von zahlreichen Haien umringt sind. Mir ist nicht wohl dabei, Roland sieht es etwas lockerer. Aber für uns beide hält sich diesmal die Begeisterung der Unterwassererlebnisse in Grenzen, leider.

Die restlichen Tage erkunden wir die Insel, um die eine 20 km lange Ringstrasse führt. Wir sind viel zu Fuss unterwegs, für die längeren Strecken fahren wir im öffentlichen Bus. Dieser kennt keinen Fahrplan. Nach einst 1.5 Stunden ermüdender Warterei entscheiden wir uns, ein Taxi zu unterstützen. Etliche kleine, ruhige Buchten finden sich. Wir legen uns in den weichen Sand und blicken dem Grün der Palmen entgegen. Ein dumpfer Knall, eine Kokosnuss plumpst auf den Grund, zum Glück ein paar Meter neben uns. Roland lockt die Nuss und versucht, die dicke, faserige Schale zu entfernen. Diese ist jedoch zu zäh. Mit einem spitzen Stein schlägt er wie wild auf die Frucht ein, ich zweifle am Erfolg. Nach und nach fliegt die Schale in die Luft und dann endlich, eine kleine, braune Nuss kommt zum Vorschein. Nun knackt er noch deren Schale und wir lassen uns das weisse, saftige Fleisch schmecken. Wie bin ich stolz auf meinen Schatz! Nun weiss ich, auf einer einsamen Insel – sofern Kokospalmen vorhanden – müssten wir nicht verhungern! Atemberaubende Bilder präsentieren sich von einem Hügel des Nationalparkes. Die Gegend ist trocken und bestückt mit verschiedenen Kakteenarten. Die Aussicht auf das türkisfarbene Meer mit den umliegenden Inselchen ist imposant, welch Postkartenmotiv!

Nach einer knappen Woche heben wir ab, zurück nach San Andrés. Bei Ankunft erfolgt – es ist zu erahnen – die mühselige Gepäckbesichtigung von innen. Zu Fuss verlassen wir das Flughafenareal und sind bereits mitten in der kleinen, geschäftigen Stadt. Wir lassen uns in einem Hostal im Zentrum nieder und sind erstaunt, über die Ruhe, die wir hier finden. Ein grün überwachsener Innenhof lässt einem fast vergessen, dass sich in den Strassen ein Laden an den nächsten reit. Es handelt sich um eine Ansammlung von Betonkästen voller klimatisierter Duty-Free-Läden, alles mutet sehr amerikanisch an. Der Stadtstrand hingegen ist erstaunlich hübsch. Die Wellen des warmen Wassers laden zum Planschen ein. Wir mieten uns einen Golfcart und fahren mit Vollgas um die Insel. Dies bedeutet zwar lediglich ein gemütliches Tuckern, was bei einem Inselumfang von nur 30 km völlig ideal ist. Im Inselinneren ist es hügelig und es bieten sich überwältigende Blicke auf das türkisblaue Meer und die strahlend weissen Sandstrände. Ein erfreulicher Anblick sind die pastellfarbenen Holzhäuser im typisch karibischen Stil. Zahlreiche Palmen begrünen das Eiland, das Entdecken der Insel macht Spass. Beim Erklimmen einer der Hügel dann der plötzliche Stilstand. Auch mit durchgedrücktem Gaspedal kommen wir nicht mehr vom Fleck. Mist, warum auf dieser abgelegenen Strasse? Erfolgreich können wir das Vehikel wenden und lassen uns abwärts rollen. Roland nimmt das Innenleben unter die Lupe und hat eine Vermutung. Fehlanzeige! Er dreht einen ihm unbekannten Hebel und versucht es erneut. Hopla, der Wagen fährt nun, aber rückwärts. Jetzt ist ihm alles klar. Lediglich der Gang ist rausgefallen und unsere Kutsche fährt nun wieder, auch vorwärts. Mir fällt ein Stein vom Herzen… zum Glück versteht mein Schatz etwas mehr von Autos wie ich!

Wir wagen hier ein weiteres Tauchabenteuer, nochmals einen Blick unter Wasser werfen reizt uns. Sehr freundlich und kompetent bedient, hüpfe ich mit gutem Gefühl ins nasse Element. Wir sind diesmal mit unserem Guide nur zu dritt und alles klappt bestens. Auch werden keine Fisch abgeschossen! Der eine Tauchgang begeistert vorzüglich, es ist wie in einem Aquarium, es wimmelt von Leben. Riesige Fischansammlungen umschwärmen uns und die bunten Farben glitzern im Wasser. Trotzdem entscheiden wir uns gegen weiteres Tauchen. Es kommt das Gefühl auf, die Crew möchte möglichst schnell mit der Arbeit fertig sein. Die Tauchzeit von 45 Minuten wird pingelig genau eingehalten, ist dies eh schon kurz und wir steigen mit nur einer halb geleerten Flasche aus dem Wasser. Wir buchen somit den Flug und verlassen tags darauf die karibischen Gefilde…

Die heissen Tage sind vorbei. In Medellin, im östlichen Landesinneren auf 1500 m, erwartet uns frühlingshaftes Wetter. Die Millionenstadt liegt in einem schmalen Tal. Vor der Kulisse zerklüfteter Berggipfel, die in allen vier Himmelsrichtungen die Stadt einrahmen, ragen Hochhäuser und Bürotürme in die Höhe. Viele Bauten sind aus Backstein, unverputzt, was die Metropole freundlich rostrot erscheinen lässt. Es ist hier auffallend sauber und ordentlich. Erstaunlich viele Grünflächen nehmen die einstige Kapitale des weltweiten Kokainhandels ein. Gewalt und Schiessereien waren an der Tagesordnung, heute jedoch ein sicheres Ziel. Eigentliche Sehenswürdigkeiten werden kaum geboten. Der grosse Platz, der Plaza Botero, hat seinen Reiz. Hier stehen 23 grosse, fette Bronzeskulpturen des berühmten, heimischen Künstlers. Sein Stil ist unverwechselbar, charakterisiert durch die mächtige, nahezu obszöne Fülligkeit seiner Figuren. Wie überall gibt es hier auch diejenigen, die „Minutos“ verkaufen. Ja, sie verkaufen Minuten, sozusagen Gesprächsminuten. Mit ein paar Mobiltelefonen ausgerüstet sowie einem Schild um den Hals, preisen sie ihren Service an. Sozusagen wandelnde Telefonkabinen! Die ultramoderne Metro führt in der Innenstadt auf hohen Stelzen über die Stadt. Eine gute Möglichkeit einen Überblick zu erhalten. Zum Betrieb gehören auch Seilbahnen, um die ärmeren Viertel in den umliegenden Hügeln verkehrstechnisch zu erschliessen. Wir gondeln in die Höhe, schweben über dicht bevölkerte Quartiere und schauen auf die Dächer und Balkone hinunter. Die zum Trocknen aufgehängte Wäsche trägt Farbe auf, das Entdecken aus der Vogelperspektive hat seinen Reiz. Wir nächtigen im Viertel El Poblado, wo sich zahlreiche exzellente Restaurants befinden, für uns ein kulinarischer Höhenflug. Wir lassen den Tag bei einem zarten Stück Fleisch und einem feinen Glas Rotwein gemütlich ausklingen…

Eine knappe Tagesreise entfernt liegt die Zona Cafetera, hier wird der meiste Kaffee angebaut. Der Bus windet sich durch die fantastische, sehr grüne Landschaft. Es bieten sich grossartige Blicke auf die Berge, sofern nicht von Wolken oder Nebel verhüllt. Ein Streckenabschnitt führt entlang der berühmten Panamericana. Wir erblicken erste Kaffee- und Bananenplantagen, eine sehr fruchtbare Gegend. Wo grün, da auch nass… Schon giesst es wie aus Kübeln. Salento, die kleine Ortschaft auf knapp 2000 m, begrüsst uns also mit Freudetränen. Es ist kaltnass und verhangen. Sonne und Wärme – zwar nur im übertragenen Sinn – finden wir im familiären, freundlichen Hostal. Das ungeheizte Zimmer ist mit seiner Temperatur von 17 Grad eher ungemütlich und wir kramen unsere warmen Schichten aus dem Rucksack. Die Gegend ist wunderschön und mir gefallen die grünen, tief eingeschnittenen Gebirgszüge vorbehaltlos. Die für hier typische Architektur des Dorfes begeistert mich, die Häuser strahlen bunt, die knalligen Farben leuchten richtiggehend. Ein ausgedehnter Spaziergang bringt uns zu einer der unzähligen Kaffeefarmen dieser Region. Viele dieser Fincas heissen Besucher auf den Plantagen willkommen und gewähren einen Einblick. Auf sympathische Weise wird uns vermittelt, wie der Anbau und die Verarbeitung von Kaffee funktioniert. Uns wird ein Korb zum Sammeln der Früchte umgebunden. Die reifen Roten werden gepflückt, danach geschält und was bleibt, ist die Kaffeebohne, die nun getrocknet wird. Am Schluss erwartet uns natürlich eine Tasse frischer, dampfender Kaffee. Wie das duftet…

Salento liegt eingangs des spektakulären Valle de Cocora. Das tiefe Tal zähle zu den herrlichsten Landschaften dieses Landes. Der breite, grüne Einschnitt ist von zackigen Berggipfeln gesäumt. Überall bestechen die dünnstieligen Wachspalmen das Bild, mit einer Höhe von bis zu 60 m die grösste Palmenart weltweit. In den dunstigen Hügeln bieten sie einen einzigartigen Anblick. Wir sind auf Wanderschaft. Zuerst verläuft die Strecke durch Grasland und die Sonne kann sich sogar etwas gegen die Wolken behaupten. Dann führt uns der Weg in den dichten, mystischen Nebelwald. Roland fotografiert enthusiastisch, der Wald ist sein Ding. Er lichtet oft Gewächse ab, die ich entweder gar nicht wahrnehme oder mich erst auf den Bildern beeindrucken. Es fängt zu regnen an. Nach dem ersten Aufstieg stärken wir uns bei einer Farm auf 2800 m für den nächsten. Wir genehmigen uns eine Tasse heisse Schokolade, dazu ein Stück Käse. Dies ist eine sehr traditionelle Kombination hier und mundet hervorragend. Leider lässt sich die Sonne kaum mehr blicken und wir marschieren den Rest des Tages bei Schauer. Nebelschwaden beschränken unsere Sicht immens, schade. Dankbar sind wir aber für die Gummistiefel, die wir mieten konnten. Der Weg ist teilweise so matschig und aufgeweicht, dass wir im Schlamm versinken. Gelohnt hat sich diese sagenhafte Tour aber allemal.

Unsere letzten Tage sind, abgesehen vom Wetter, ein Highlight. Uns gefällt diese Region ausgezeichnet und die Einheimischen sind ausnahmslos freundlich. „Muchas gracias“ – „con mucho gusto“. Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Kolumbianer wird von Reisenden immer wieder gerühmt. Seit wir in Medellin eingetroffen sind, kann ich dies auch unterschreiben. Zuvor empfanden wir zwar die einen Bewohner nett und sympathisch, andere jedoch weniger… wie eben überall auf der Welt!

Unsere allerletzte Busfahrt steht an. Das Fahrzeug ist luxuriös, mit WiFi und eigenen Bildschirmen ausgestattet. Dies ist toll, denn so flimmert kein stupider Streifen in voller Lautstärke über die Leinwand, was sonst meistens der Fall ist. Wie nun oft erlebt, ist auch dieser Bus mehr als halbleer. Dies erstaunt mich extrem, ansonsten trifft man in Lateinamerika eher auf vollgestopfte Busse. Wir gleiten zu Latinomusik – der Fahrer singt freudig  mit – an einer beschaulichen Naturkulisse vorbei. Schneller als mit 20 km/h sind wir kaum unterwegs. Unzählige lange, schwere Laster kriechen die kurvenreiche Strasse hoch und nach der Passhöhe wieder runter. Zum Überholen bieten sich kaum Gelegenheiten. Die Aussicht ist einmal mehr grandios, die Berghänge fallen steil in die Tiefe. Nach einer prächtigen Fahrt treffen wir abends im verkehrsreichen Bogotá ein. Das Taxi ruckt und röchelt plötzlich bedenklich, immer wieder stirbt der Motor ab. Der Fahrer lässt sich nichts anmerken. Mir wird etwas mulmig in diesem Gefährt, aber schlussendlich erreichen wir heil unser Hotel. Unverständlich lang zieht sich die Registrierung hin… hier ein Formular, da eine Unterschrift und nochmals eine Kopie vom Pass, die kolumbianische Bürokratie lässt grüssen. Wir steigen für unsere allerletzte Nacht nicht mehr in der Altstadt, sondern im schicken, gut betuchten Viertel Usaquén ab. Das einstige Dörfchen wurde vom Moloch Bogotá längst geschluckt, erhalten blieb die Gemütlichkeit.

Der grosse Vogel kommt kaum in die Lüfte, schwerfällig hebt er ab. Ein letzter Blick auf die tausend Lichter der Grosstadt, auf Kolumbien. Wir fliegen wehmütig der Heimat entgegen. Gerne wäre ich noch etwas länger geblieben, es locken noch ein paar weitere Ziele in diesem facettenreichen Land. Stets fühlte ich mich sicher und wohl, die herzlichen Menschen werden dazu beigetragen haben. Dankbar, diese Reise ohne Zwischenfälle erleben zu dürfen, kehren wir mit reichen Erlebnissen zurück. Bleiben werden uns die Erinnerungen…

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